Irina Lino
Archivar des Augenblicks
Die Brücke Nr. 12, Oktober 2000

Es gibt Menschen, die sind von Kreativität umwuchert wie eine tropische Pflanze von Blättern. Ein Wort, eine Geste, eine Assoziation genügt, um ihren Intellekt mit Phantasie zu befruchten, und schon treiben sie Blüten.

Es gibt Menschen, die tragen schwarze Lederhosen, weisse Rüschenhemden und schiessen mit ihrer Pocketkamera so selbstverständlich aus der Hüfte wie John Wayne zu seinen besten Zeiten. Die Manschettenknöpfe nicht zu vergessen, die das Ganze mit einem Hauch von elitärem Anspruch adeln. Armin Bardel ist so ein Mensch. Ausufernd gesprächig, bodenlos süffisant, triebhaft kreativ. Eine Mangrove! Nein, ein ganzer Mangrovenwald!!! Unter seinem Geäst lässt es sich angenehm plaudern. Dort wo sich seine Kreativität zum philosophischen Bild verdichtet und er erzählt, was er in seinem noch nicht allzu lange währenden Leben schon so alles ausprobiert hat.

Vom Präparator und Administrator in einem pathologischen Labor über den gelernten Philosophen und Sozialwissenschaftler bis hin zum freischaffenden Künstler und Fotografen. Leichter und vor allem kürzer wäre der umgekehrte Weg. Aber den darf man sich von einem Menschen nicht erwarten, der ein Gespräch damit beginnt, dass er zuerst die Schönheit des lichtumglänzten Wörthersees in sich aufsaugt - mindestens fünf Minuten - um danach lapidar festzustellen wie schön, Sie haben Zeit. Dass die Stunden mit ihm, die sich auch zu einer Ewigkeit dehnen könnten, tatsächlich wie im Flug vergehen, liegt an einer Eigenschaft, die der 35-jährige Wolfsberger auch besitzt. Die zu erzählen - nicht geradlinig - er ist ja keine Pappel , sondern auf den verschlungenen Pfaden, die tiefer und tiefer in das Herz seiner Dschungelwelt führen. Es lohnt sich, ihm zu folgen bei seiner Reise ins Ich. Und wie das halt so ist mit Abenteurern, muss man sich darauf gefasst machen, dem einen oder anderen Geschöpf zu begegnen, das irgendwo im Verborgenen darauf lauert, vom Licht seiner Sätze erfasst zu werden.

Idylle und Grenze Doch noch ist der Weg gefahrlos und die tropische Vegetation beginnt sich zu weiten und in ein Tal zu münden - sein Tal - das Lavanttal, das er vor zehn Jahren mit der Ambivalenz von klassischer Schwarzweissfotografie umfasst, um neue Perspektiven aufzuzeigen. Anfangs war das Tal Idylle und Grenze meiner Welt. Durch meinen studienbedingten Aufenthalt in Wien wuchs auch die innere Distanz zu meinem bisherigen Dasein. Immer stärker wurden Ablehnung und -neigung gegenüber gewissen lokalen Um- und Zuständen sooft ich wieder herkam. Stärker wurde aber auch die Wahrnehmung für die interessanten und angenehmen Seiten und das Bedürfnis, diese Eindrücke mitzuteilen, die mir erst aus einer anderen Perspektive bewusst geworden sind. Wolfsberg steht jedoch nicht alleine für sich selbst, sondern zugleich stellvertretend für viele andere Orte, die sich in einer ähnlichen geographischen, sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen Situation befinden. Orte, die er in Amerika findet, wo er offiziell Philosophie und inoffiziell Fotografie an der University of California und Santa Cruz studiert und die auf geradezu verblüffende Weise seiner Heimatstadt ähneln. Zumindest wenn man sie durch den Sucher seiner Kamera sieht.

Nicht nur die Austauschbarkeit soziokultureller Einrichtungen - das Spannungsfeld zwischen Natur und Kultur - bevorzugt an Randzonen - lässt ihn immer wieder den Auslöser drücken. Auch gesellschaftspolitische Machtstrukturen bestimmen im Amerika des Golfkrieges seine Inhalte. Und während die Bilder von den im Irak gefangengehaltenen amerikanischen Piloten um die Welt gehen, reicht er sein Blatt, für das er zum ersten Mal mit Computergrafik arbeitet, bei einem US-weit ausgeschriebenen Wettbewerb ein und landet mit der undokumentierten Abrechnung politischer Propagandamechanismen in San Francisco unter den ausgewählten Arbeiten. Ein wirklich grosser Erfolg.

Ungeschönte Realität Ganz egal, mit welchen Inhalten er sich beschäftigt - ob mit Landschaften, Bergen, Gesichtern, Tieren, Kindern, Puppen, Männern, Frauen, Engeln und wer weiss mit was nicht sonst noch allem, sie haben eines gemein - nicht die Kunst, sondern deren Bezug zur Gesellschaft dominiert den Werkscharakter, den er auf die reflektorische Ebene philosophischer Zusammenhänge stellt. Seine Kamera - bevorzugt die Pocket , die er in jeder Lebenslage bei sich trägt - schiesst keine Fotos. Sie archiviert den Augenblick. Mit ungeschönter Realität. Das hat nichts mit Perfektion oder Komposition zu tun. Das ist die notgeschlachtete Kuh am Strassenrand ebenso wie die spielenden Kinder im Garten. Das ist berührend, abstossend, lächerlich, unvollkommen Und das ist echt.

Wir lassen das Tal hinter uns - gehen weiter in sein Reich, das er aus Worten baut und mit Momentaufnahmen bebildert. Vorbei an einem Riesenrad; es protzt mit monumentaler Ästhetik, vorbei an einem Zimmer mit Aussicht, vorbei an einem - an vielen Gesichtern. Jungen, erstaunten, lachenden, alten, überraschten, fratzenhaften Gesichtern. Dann plötzlich stellt SIE sich in den Weg. Unerwartet, provokant ist sie da. Eine Tigerin, die zum Sprung ansetzt. Keine glattgeschönte Frau. Schön ist sie gerade deshalb. In dieser lauernd verhaltenen Pose, mit der sie ihre Weiblichkeit definiert. Er ist dabei nur der Archivar. Der Archivar des Augenblicks. Festhalten, um dem Bestehenden etwas gegenüberzustellen. Der Überbegriff meiner Arbeit.

Ein Medium reicht dazu nicht aus. Deshalb träumt er - träumt davon, alle Bereiche, die sich im Schaffensprozess beständig gegenseitig befruchten, zu verschmelzen. Zum Gesamtkunstwerk aus Malerei, Grafik, Objekt, Fotografie, Literatur und Musik. Ob es ihm gelingen wird, ist dabei vielleicht gar nicht das Entscheidende. Denn solange er sich mit geradezu besessener Begeisterung an die Umsetzung seiner Ideen begibt, wird der Bardelsche Mangrovenwald weiterwuchern. Und der ist bereits ein Gesamtkunstwerk.

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